Timefuse – Modul 7: Dipl.-Päd. Roland Durst, Dipl.-Päd. Theodor Thesing; Pädagogische Grundlagen
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3.5 Bildung und Auflösung Herman Nohl (1879 - 1960)

 

Herman Nohl ist der erste Pädagoge, der eine systematische Theorie der professionellen pädagogischen Beziehung entwickelte. Dabei verwendete er jedoch nicht den Begriff pädagogische Beziehung, sondern „pädagogischer Bezug”.

 

Grundlage dieses Bezugs ist für ihn die Bildungsgemeinschaft zwischen einem reifen und einem noch nicht reifen Menschen, und zwar um seiner selbst willen, „dass er zu seinem Leben und seiner Form komme” (Nohl 1961, S. 134).

 

Bildung definiert er dabei in einem ganzheitlichen Sinne als Werden der Person. In der Formulierung „um seiner selbst willen” zeigt sich die unbedingte Parteinahme für das Kind: Der professionelle Erzieher ist nicht Vollstreckungsbeamter oder Agent von so genannten „objektiven Mächten” wie Staat, Kirche, Wirtschaft usw., sondern sortiert deren Ansprüche daraufhin, was sie für dieses konkrete und einzelne Kind gegenwärtig wie zukünftig bedeuten.

 

Er ist „Anwalt des Kindes”, allerdings in einer Art und Weise, die eine deutliche Asymmetrie zwischen Erzieher und Zögling offenbaren. So wie ein guter Rechtsanwalt sich mit seinem Klienten solidarisch weiß und mit der Autorität seines Rechtswissens dem Klienten zur Seite steht und ihn berät, so weiß der professionelle Erzieher aus leidenschaftlicher Zuwendung und Liebe und mit der Autorität seiner Bildung und Lebenserfahrung, was für das Kind um seiner selbst willen gut ist, wessen es bedarf, damit es zu seinem Leben kommt.

 

Letztlich beruht der pädagogische Bezug bei Nohl also auf einem Autoritäts-Gehorsams-Gefälle bzw. auf einem Nachfolgeverhältnis. Eine Besonderheit des pädagogischen Bezugs liegt nun darin, dass die Beziehung zum Kind im Gegensatz zu Partner- oder Freundschaftsbeziehungen vom ersten Augenblick an auf Auflösung gerichtet ist, die Nachfolge also ein Ende findet. Diese Beziehung hat sich überflüssig zu machen in dem Maße, wie der Zögling reift. Sie ist ein höchst dynamisches Geschehen. Vollzieht der Erzieher diesen dynamischen Auflösungsprozess nicht, gibt er das Kind/den Jugendlichen nicht schrittweise frei, dann wird die Beziehung geradezu eine Gefährdung für das Kind/den Jugendlichen. Er verhindert das eigentliche Ziel des pädagogischen Bezugs: „Das Kind soll zu seinem Leben kommen”.

 

Die Theorie des pädagogischen Bezugs von Nohl wurde von Anfang an heftig kritisiert, gerade von professionellen Erziehern jedoch dankbar angenommen. Bis heute blieb sie die einzige geschlossene Theorie der professionellen pädagogischen Beziehung und wirkte wegen ihrer weltanschaulichen Offenheit für die pädagogische Profession in hohem Maße als Orientierung: „Ob Lehrer oder Sozialpädagoge, Katholik oder Protestant - Nohls pädagogischer Bezug ermöglichte ihnen allen eine Identifizierung auf einem gemeinsamen Generalnenner” (Giesecke 1997, S. 232).

 

Problematisch erscheint das Nachfolgeverhältnis und die Isolierung des Erziehungsprozesses aus dem sozialen Kontext. Nohls Konzept nimmt einseitig die Innenansicht der pädagogischen Beziehung in den Blick und übersieht die von außen einwirkenden Determinanten. Die Beziehung findet bei Nohl quasi im sterilen Raum statt - unabhängig von Eltern, gesellschaftlichen Realitäten oder Interessengruppen.

 

Die gegenwärtige Diskussion über den Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen in der Bundesrepublik verdeutlicht das Defizit seiner Theorie: Die wirtschaftspolitische Diskussion um die vermeintlichen oder realen Konkurrenznachteile des „Standorts Deutschland” führt unmittelbar zu der bildungspolitischen Forderung, Schulen mit Computern auszurüsten, das Schulfach Wirtschaft einzuführen und dem Bildungsauftrag in Kindertageseinrichtungen im Sinne vorschulischer Maßnahmen wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Setzen sich diese Forderungen gesellschaftspolitisch durch, dann verändern sie nicht nur die pädagogischen Konzeptionen in den Kindertageseinrichtungen, sondern auch die pädagogische Beziehung zum individuellen Kind.

 

Obwohl Nohl diesen Zusammenhängen zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und pädagogischer Beziehung zu wenig Aufmerksamkeit schenkte, hilft er uns auf der anderen Seite dennoch, in der Diskussion einen Standpunkt zu finden: Er versteht Bildung in einem ganzheitlichen Sinne als Werden der Person und die professionelle Erzieherin nicht als Vollzugsbeamtin von Partikularinteressen, welche von außen an das Kind herangetragen werden. Dienen diese Ansprüche wirklich dem gegenwärtigen und zukünftigen Wohl des Kindes? Wehren wir diese Ansprüche andererseits aus einer „Unzeitgemäßheit” unseres eigenen Bildes vom Kind nicht allzu reflexartig ab? Nohls Theorie vom pädagogischen Bezug macht die Antwort nicht leicht!

 
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